Zwischen Byte und Bretzel
Marco aus Humoriana – Zwischen Byte und Bretzel (aktualisierte Fassung)
In einem Land weit, weit entfernt – irgendwo zwischen „Ach so war das gar nicht gemeint“ und „Na gut, dann lachen wir eben darüber“ – liegt das Königreich Humoriana.
Durchzogen wird es vom Fluss Lachlach, dessen Pegel zuverlässig steigt, sobald jemand versucht, besonders ernst zu sein.
In dieser Stadt, die offiziell existiert und inoffiziell ständig über ihre eigenen Fußnoten stolpert, lebte ein Junge namens Marco. Jahrgang 1988, geboren in einer Zeit, in der Bildschirme noch Rücken hatten, Drucker Persönlichkeitsstörungen und Internetminuten als rare Währung gehandelt wurden.
Marco war kein gewöhnlicher Bewohner Humoriana.
Während andere Kinder in Alt-Dazumal Ritter, Cowboy oder „Wer hat Helmut den letzten Keks geklaut?“ spielten, träumte er davon, Admin zu werden – der höchste Rang, den ein Mensch in Humoriana erreichen konnte, direkt unterhalb der Stadtordnung und knapp über der Entenfraktion am Lachlach.
Er baute Serverburgen aus Schuhkartons, programmierte Morsecode mit Taschenlampen in Richtung Stadtarchiv und übte nächtelang den geheimen „Alt+F4“-Zauber, der Gegner in die ewige Leere schickte (lokal auch bekannt als: Desktop).
Anna aus dem Archiv behauptet noch heute, sie habe damals die ersten „mysteriösen Lichtsignale“ dokumentiert, die sie später unter „Frühe Versuche der Mensch-Maschine-Kommunikation“ abgeheftet hat.
Eines Tages fand Marco auf einem Dachboden in Alt-Dazumal ein Relikt aus der Vorzeit: ein 56k-Modem.
Als er es anschloss, schrie etwas auf – eine Mischung aus Delfin auf Koffein und kaputtem Staubsauger.
Der pensionierte Systemadministrator aus dem Viertel, intern nur „Onkel Root“ genannt, legte ihm pathetisch eine Hand auf die Schulter und flüsterte:
„Er ist bereit.“
Seit diesem Tag sog Marco Wissen auf wie ein Laserdrucker Seiten – nur ohne Papierstau (meistens).
Er lernte das heilige Handwerk des Kabelverlegens („Nein, die LAN-Strippe gehört NICHT in die Kaffeetasse, egal wie leer sie ist.“), studierte die alten Schriften von Frau Doku aus dem Stadtarchiv („Wenn du es nicht aufschreibst, war es nie da.“) und bestand die gefürchtete Prüfung der „Drei verlorenen Passwörter“.
Mit 14 hatte Marco seine erste große Liebe – sie hieß „Linux Mint“.
Ihre Familie, allen voran Onkel „Legacy-Windows“, mochte ihn nicht.
Doch er blieb ihr treu, auch wenn sie manchmal ohne Vorwarnung in eine „Kernel Panic“ verfiel und sich nur mit einem Ritual aus Flüchen, Neustarts und stillen Versprechen, „jetzt aber wirklich Backups zu machen“, besänftigen ließ.
Im Laufe der Jahre trat Marco der inoffiziellen Bruderschaft der IT-Ler von Humoriana bei – einem geheimnisvollen Orden, der durch Kaffeetassen kommunizierte, Kapuzenpullis als Dienstkleidung führte und dessen inoffizieller Wahlspruch lautete:
„Es läuft bei mir“ – was selten Erfolg bedeutete und meistens ein System, das kurz vor dem Zusammenbruch tapfer weiterblinkte.
Auf seinen Wegen durch die Stadt traf er allerlei Gestalten:
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Sir Clicksalot, den Projektmanager aus dem Viertel „Prioritaria“, der nie ein Ticket gelesen, aber alle priorisiert hatte.
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Lady Firewall, die selbst Smalltalk blockierte und in Besprechungen grundsätzlich erst sprach, wenn alle anderen schon zwei Protokollpunkte zu weit waren.
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Den legendären Kollegen aus der Infrastruktur, der nie gesehen, aber für alles verantwortlich gemacht wurde, was mit „Server“, „Cloud“ oder „Irgendwas mit Netzwerk“ zu tun hatte.
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Anna aus Alt-Dazumal, die heimliche Hüterin des Stadtarchivs, die behauptete, Humoriana sei im Grunde eine Sammlung falsch abgehefteter Geschichten mit überraschend viel Wahrheit dazwischen.
Marco war jedoch mehr als nur ein Nerd mit Tastatur-Karate.
Er glaubte an eine höhere Macht – Usability.
In einer Stadt, in der es eine „Stadtordnung von Humoriana“ gab, deren wichtigste ungeschriebene Regel lautete:
„Nimm dich selbst nicht zu ernst, die Fehlermeldung tut es schon“,
wollte Marco etwas schaffen, das Menschen half, statt sie in digitale Escape Rooms mit schlechtem WLAN zu schicken.
Sein Code war nicht nur funktional – er war poetisch.
Seine Variablen hießen Dinge wie seeleDesBenutzers oder verzweiflungLevel.
In den Kommentaren standen keine trockenen Erklärungen, sondern ganze Miniaturen aus dem Alltag Humoriana:
// Dieser Teil sorgt dafür, dass alles funktioniert.
// Wenn nicht: Kaffee holen, ruhig atmen, Onkel Root NICHT anrufen.
Im Bürgerbüro munkelte man, Marco habe eine App entwickelt,
die bei übermäßigem Bullshit-Bingo in Meetings automatisch das Mikro stumm schaltete
und gleichzeitig im Hintergrund eine leise Erinnerung einblendete:
„Du wolltest doch nur kurz arbeiten, nicht in einer Serie über Projektmanagement enden.“
Wenn die Stadtverwaltung begeistert wieder einmal die „Digitale Zukunft Humoriana“ ausrief, wusste Marco, dass das bedeutet:
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Drei neue Tools,
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fünf neue Passwörter,
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und mindestens einen Menschen, der alles in Excel nachbaut, „für den Überblick“.
Man findet Marco häufig irgendwo zwischen den Stadtvierteln:
vormittags in Alt-Dazumal, wo alte PCs noch schnurren statt lüften,
nachmittags am Fluss Lachlach, wo die Enten als unabhängiges Monitoring-System fungieren,
und abends in einem kleinen Café, in dem die Steckdosen mehr Stammkundschaft haben als der Tresen.
Er ist ein Wanderer zwischen den Welten:
analog aufgewachsen, digital gereift,
mit einem Bein im DOS-Zeitalter und dem anderen im 5G-Netz.
Wenn die Cloud weint, weiß er, wo’s leckt.
Wenn Outlook streikt, wird er gerufen wie ein IT-Schamane:
„Hast du schon neu gestartet?“
Die Stadtchronik vermerkt nüchtern: In 73 % der Fälle war das die Lösung.
In den restlichen 27 % brauchte es Kaffee.
Marco glaubt an eine Zukunft, in der Technologie nicht nervt,
Menschen nicht heimlich vermisst und Tools nicht abstürzen,
wenn jemand einmal zu schnell atmet.
Er hofft auf ein Netz, in dem Verbindung mehr bedeutet als Bandbreite,
und in dem nicht jede Interaktion in Statistiken zerlegt wird,
nur damit irgendwo eine Zahl „grün“ aussieht.
Und doch lebt er gern in Humoriana,
weil hier niemand erwartet, dass ein Held glänzt.
Es reicht, wenn er auftaucht, wenn nichts mehr geht,
einen USB-Stick wie ein Schwert schwenkt
und am Ende sagt:
„War nur eine Kleinigkeit“ –
während Sir Clicksalot bereits ein „Lessons Learned“-Meeting plant
und Lady Firewall innerlich das ganze Konzept blockiert.
Moral der Geschichte?
In Humoriana gibt es viele Heldinnen und Helden:
Anna mit ihren schief abgehefteten Wahrheiten,
die Enten mit ihrem unbestechlichen Blick,
die Stadtordnung, die nur funktioniert, solange niemand versucht, sie vollständig zu lesen.
Aber nur einer hat eine NAS im Wohnzimmer,
einen Gameboy im Herzen,
eine Stadtordnung mit Kaffeeflecken auf dem Schreibtisch
– und genug Humor,
um die IT-Welt zu lieben,
obwohl sie ihn regelmäßig in den Wahnsinn treibt.
Man nennt ihn:
Marco aus Humoriana.
Admin ehrenhalber.
Zwischen Byte und Bretzel.