Sinnlos. Und trotzdem richtig.
Anna war früh wach. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern weil im Archiv jemand eine Schublade nicht richtig geschlossen hatte. Und das hörte man. Nicht laut. Aber vorwurfsvoll. Wie ein Küchenschrank, der dich verurteilt, weil du die Gewürze falsch sortiert hast.
Anna seufzte. Sie hasste es, wenn Dinge sie verurteilten. Besonders Schubladen.
Sie zog sich an und ging hinüber. Das Archiv von Alt-Dazumal war kein richtiges Archiv. Es war ein Raum, in dem Dinge lagen, die niemand wegwerfen wollte. Briefe. Rechnungen. Ein Kalender aus dem Jahr, in dem die Stadt gegründet worden war. Niemand wusste genau, wann das war. Aber der Kalender hing trotzdem. Und zeigte immer noch denselben Monat an. Seit zwanzig Jahren.
Anna hatte irgendwann aufgehört, ihn umzublättern. Das war nicht ihr Job. Ihr Job war es eigentlich, gar nichts zu tun. Aber die Schublade machte Geräusche.
Sie öffnete sie. Leer. Nicht leer im Sinne von nichts drin. Leer im Sinne von: Da war mal was drin, und jetzt ist es weg. Und als ob das nicht reichte, lag ein Zettel darin. Ein Zettel, auf dem mit Bleistift stand:
"Ruth war hier."
Anna las den Zettel. Las ihn noch mal. Überlegte, ob sie ihn einfach ignorieren konnte. Aber wenn sie etwas ignorierte, kam Paul immer später und sagte: "Hättest du mal was gesagt." Und dann hatte sie schlechte Laune, und Paul hatte recht, und das war die schlimmste Kombination.
Also ging sie zu Paul.
Paul saß im Hinterzimmer von Zum schiefen Tisch, dem Café, das eigentlich keinen Namen hatte, bis Sebastian gesagt hatte: "Das Ding hier steht schief, nennen wir es doch so." Seitdem hieß es so. Paul trank seinen ersten Kaffee und blinzelte in die Sonne wie ein Vogel, der nicht sicher ist, ob es schon Tag ist.
"Ruth war im Archiv", sagte Anna.
Paul blinzelte.
"Das Archiv ist abgeschlossen", sagte er.
"Ja."
"Ruth hat keinen Schlüssel."
"Ja."
"Und du hast aufgemacht?"
"Ich habe die Schublade geschlossen. Weil sie Geräusche gemacht hat."
Paul sah sie an. Mit diesem Blick, den er hatte, wenn er dachte: Du machst dir das Leben auch kompliziert, oder? Aber er sagte es nicht. Paul sagte nie Dinge, die offensichtlich waren. Das war einer der Gründe, warum Anna ihn mochte.
"Was fehlt?", fragte er.
"Ein Gewicht", sagte Anna. "Für eine Briefwaage. Ruth hat einen Zettel hinterlassen."
Paul nahm den Zettel. Las ihn. Gab ihn zurück.
"Ruth ist nicht hier, um etwas zu nehmen", sagte er. "Ruth ist hier, um etwas zurückzubringen."
"Das ist doch das Gleiche."
"Ist es nicht. Wenn sie etwas nimmt, weiß sie, was sie will. Wenn sie etwas zurückbringt, sucht sie den Ort, wo es hingehört. Das ist schwieriger."
Anna überlegte. "Klingt nach mehr Arbeit."
"Deshalb macht es auch fast niemand."
Sie fanden Ruth am Fluss Lachlach. Sie saß auf einem Stein und hielt etwas in der Hand. Es war klein, grau, unscheinbar. Ein Stein. Oder etwas, das wie ein Stein aussah.
"Das ist ein Gewicht", sagte Ruth, ohne aufzusehen. "Für eine Briefwaage."
"Ja", sagte Anna. "Das haben wir schon festgestellt."
"Früher gehörte es zu dem Set, das Helmut immer benutzt hat. Er hat Briefe gewogen, bevor er sie abschickte. Immer genau. Immer richtig."
Paul setzte sich neben sie. "Helmut ist seit zehn Jahren tot, Ruth."
"Ich weiß."
"Und du hast sein Gewicht."
"Ich hab's gefunden."
"Im Archiv. In einer Schublade. Die du aufgemacht hast."
"Ich hab die Schublade geöffnet, weil sie nicht richtig geschlossen war. Das Gewicht lag da drin. Ich hab's nur festgehalten."
Anna setzte sich auch. Sie mochte Ruth, aber Ruth hatte eine Art, Dinge so zu erklären, dass man am Ende nicht wusste, ob sie geklaut oder gerettet hatte.
"Was machen wir jetzt damit?", fragte Anna.
Ruth stand auf. "Ich leg es zurück. Dahin, wo es hingehört."
"Und wo ist das?"
Ruth lächelte. "Weiß ich nicht. Aber Helmut wusste es. Vielleicht weiß er es noch."
Paul und Anna sahen sich an. Paul zuckte mit den Schultern. Anna zuckte mit den Schultern. Ruth ging los.
Sie folgten Ruth durch Alt-Dazumal. Vorbei an Helmuts altem Haus. Vorbei an der Stelle, wo früher die Post war. Vorbei an einer Hecke, die Ruth umständlich umging, obwohl sie auch hätte durchgehen können.
"Warum umwegst du?", fragte Anna.
"Da war mal ein Briefkasten", sagte Ruth. "Ich will nicht drübersteigen. Das wäre respektlos."
"Der Briefkasten ist seit zehn Jahren weg."
"Trotzdem."
Sie kamen zu Helmuts Haus. Hinter dem Haus, zwischen zwei Büschen, stand noch der alte Briefkasten. Verrostet. Schief. Niemand hatte ihn weggeräumt. Anna hatte ihn nie bemerkt.
Ruth öffnete den Kasten. Sie legte das Gewicht hinein. Sie schloss ihn wieder.
"Fertig", sagte sie.
"Das war's?", fragte Anna.
"Das war's."
"Und was ist jetzt mit Helmut?"
Ruth sah sie an. "Helmut ist tot, Anna."
"Ja, aber du hast doch gesagt..."
"Ich hab gesagt, vielleicht weiß er noch, wo sein Gewicht hingehört. Nicht, dass er kommt, um es abzuholen."
Anna stand da. Sie fühlte sich ein bisschen dumm. Aber auch ein bisschen erleichtert.
"Also haben wir einfach ein Gewicht in einen alten Briefkasten gelegt?", fragte sie.
"Ja."
"Das war's?"
"Ja."
"Das ist keine große Sache."
"Nein", sagte Ruth. "Aber es ist die richtige kleine Sache."
Am Abend saßen sie im Schiefen Tisch. Sebastian hatte neue Kerzen aufgestellt, obwohl niemand sie angezündet hatte. Die Sonne war noch nicht unter. Sebastian mochte Kerzen einfach.
"Und?", fragte Sebastian. "Was habt ihr heute gemacht?"
"Wir haben ein Gewicht in einen alten Briefkasten gelegt", sagte Anna.
Sebastian nickte. "Klingt sinnvoll."
"Es war eigentlich total sinnlos."
"Trotzdem", sagte Sebastian. "Jetzt liegt es da, wo es hingehört. Das ist mehr, als die meisten Leute an einem Vormittag schaffen."
Paul lachte. "Ich hab nichts geschafft. Ich hab nur Kaffee getrunken und euch hinterhergelaufen."
"Auch wichtig", sagte Sebastian.
Anna dachte an den Vormittag. An die Schublade, die nicht richtig geschlossen war. An den Zettel. An Ruth, die über eine Stelle gegangen war, wo früher ein Briefkasten stand. An das Gewicht, das jetzt in einem verlassenen Briefkasten lag, wo es niemand je finden würde.
Sie lachte.
"Was ist?", fragte Paul.
"Ich hab heute Vormittag ein Gewicht in einen Briefkasten gelegt, den seit zehn Jahren keiner mehr benutzt. Für einen Toten. Und ich finde das jetzt irgendwie... gut."
"Das ist Humoriana", sagte Ruth. "Hier machen wir die richtigen kleinen sinnlosen Dinge."
Sie prosteten sich zu. Mit Kaffee. Weil Sebastian vergessen hatte, Wein zu bestellen.
"Morgen", sagte Anna, "mach ich die Schublade wieder auf. Nur um zu sehen, ob das Gewicht wieder drin ist."
"Das wäre wirklich sinnlos", sagte Paul.
"Ich weiß."
Sie lachten. Der Fluss Lachlach plätscherte vorbei. Und die Laternen von Alt-Dazumal flackerten ein bisschen. Aber das taten sie immer. Das war nicht wegen Helmut. Das war einfach, weil sie alt waren.