(Aus dem inoffiziellen Stadtarchiv von Humoriana, Abteilung „Leises Kichern“)

Der Sonntag in Humoriana war offiziell als „Ruhetag“ geführt.
Inoffiziell war er der Tag, an dem die Stadt am meisten damit beschäftigt war, so zu tun, als würde sie sich ausruhen.

Der Fluss Lachlach wusste das.
Er lag mitten in der Stadt, tat so, als wäre er ein ganz normaler Fluss,
und kicherte innerlich vor sich hin, sobald jemand sich vornahm,
„jetzt aber wirklich mal zu entspannen“.

An diesem Sonntag spazierten – wie es sich gehört – Menschen am Ufer entlang.

Vorne lief ein Paar, das noch nicht genau wusste, ob es schon ein Paar war, aber beide hatten beschlossen, die Frage aus Sicherheitsgründen nicht zu stellen.
Er trug eine Mütze, sie eine Meinung über seine Mütze, die sie noch nicht ausgesprochen hatte.

„Ist das nicht schön ruhig hier?“, fragte er.

In diesem Moment machte der Lachlach ein Geräusch, das nur Flüsse können, wenn sie sich das Lachen verkneifen.
Ein leises Glucksen, als hätte jemand von unten an die Wasseroberfläche geklopft und „Na ja…“ gesagt.

Ein paar Schritte dahinter ging eine Person allein, mit diesen typischen Sonntags-Gedanken im Kopf:
Hätte ich heute produktiv sein sollen?
Darf man nichts tun?
Ist Spazierengehen schon etwas tun oder zählt es als „nichts“?

Der Lachlach hörte das und verstärkte sein Plätschern, als wolle er sagen:
„Beruhig dich. Du gehst. Das reicht. Mehr weiß ich auch nicht.“

Auf einer Bank saß ein älterer Herr mit einer Zeitung, die er nicht las.
Er hielt sie so, als wäre sie ein Tarnumhang.
Wenn jemand vorbeikam, räusperte er sich und tat kurz so, als verfolge er die Schlagzeilen interessiert.
Sobald niemand schaute, legte er die Zeitung wieder auf seinen Schoß und beobachtete die Enten.
Die Enten ignorierten das konsequent.
Sie waren seit Jahren im Stadtrat bekannt für ihre strikte Anti-Dienstags- und Anti-Verantwortungs-Haltung, hatten aber am Sonntag nichts dagegen, dekorativ zu sein.

Der Lachlach gluckerte anerkennend.
Es mochte Menschen, die so taten, als wären sie beschäftigt, dabei aber heimlich einfach nur da saßen.

Kurz darauf kam Anna aus Alt-Dazumal um die Ecke, eine große Thermotasse in der Hand.
Sie war eigentlich nur hier, weil im Archiv jemand das Wort „Feierabend“ in die falsche Schublade gelegt hatte, und sie auf dem Weg nach Hause beschlossen hatte, wenigstens so zu tun, als würde sie einen Spaziergang aus Überzeugung machen.

Sie blieb am Ufer stehen, schaute aufs Wasser und dachte:
So, das ist jetzt also „bewusste Auszeit“.

„Na, wie läuft’s mit der Auszeit?“, fragte der Fluss freundlich,
und wenn du dich fragst, warum du ihn nicht gehört hast:
Man muss schon eine gewisse Grundmüdigkeit mitbringen, um den Lachlach sprechen zu hören.

Anna zuckte mit den Schultern.
„Gemischt“, murmelte sie mehr zu sich als zur Strömung. „Ich überlege, ob ich mich entspannen soll oder ob ich gerade falsch entspanne.“

Der Lachlach platschte gegen einen Stein.
Das war sein Äquivalent zu einem Augenrollen.

„Kleiner Tipp“, flüsterte das Wasser in ihrem Kopf. „Wenn du darüber nachdenkst, ob du richtig entspannst, entspannst du offiziell nicht.“

„Das dachte ich mir“, sagte Anna. „Aber ich wollte es nicht wahrhaben.“

Hinter ihr kam inzwischen eine Familie mit Kinderwagen entlang, in der klassischen Sonntagskonstellation:
Eine Person schob, eine erklärte, dass man hier früher alles mit dem Rad gemacht habe,
und eine kleinere Person im Wagen warf in regelmäßigen Abständen Kuscheltiere als Testballons in Richtung Schwerkraft.

Ein Stofftier landete direkt vor Annas Füßen.
Sie hob es auf. Es war eine sehr mitgenommene Giraffe mit einem Gesichtsausdruck, der sagte:
„Ich bin schon hundertmal gefallen, mach dir keine Illusionen, ich komme klar.“

„Oh, danke!“, rief die Person am Wagen.
„Der kommt sonst immer im Wasser an.“

Der Lachlach schnaubte beleidigt.
„Ich habe einmal eine Giraffe mitgenommen“, murmelte er. „Und das war ein Unfall. Seitdem heißt es: ‚Achtung, der Fluss frisst Spielzeug.‘“

Anna grinste.
„Bleib locker“, sagte sie in Gedanken. „Du weißt doch, wie Humoriana ist. Einmal stolpern, und die Geschichte läuft auf Lebenszeit weiter.“

Das Paar da vorne, das vielleicht ein Paar war, blieb inzwischen stehen.

„Willst du ein Foto machen?“, fragte sie.
Er zuckte zusammen, als hätten Fotos bisher nur in Katastrophenfilmen existiert.

„Von mir?“, fragte er.

„Nein“, sagte sie trocken. „Von der neuen Steinplatte da hinten. Natürlich von dir.“

Der Lachlach lachte laut.
Wirklich laut.
So laut, dass die Enten kurz empört quakten und die allein spazierende Person stehenblieb, weil sie dachte, jemand hätte einen Soundeffekt angemacht.

„Du musst nicht perfekt aussehen“, sagte sie. „Es ist Sonntag.“

„Genau das macht’s ja schlimmer“, murmelte er, stellte sich trotzdem hin und versuchte, eine Mischung aus entspannt, interessant und nicht zu bemüht hinzubekommen.

Das Ergebnis sah aus wie jemand, der gleichzeitig niesen, lächeln und eine Matheaufgabe lösen wollte.

„Perfekt“, sagte sie.

„Wirklich?“, fragte er.

Der Lachlach schlug sanft gegen die Uferkante, als wolle er sagen:
„Es ist Humoriana. Perfekt reicht hier gar nicht richtig rein.“

Die allein spazierende Person blieb schließlich bei der Bank stehen, auf der der ältere Herr mit seinem Zeitungstarnumhang saß.

„Ist hier frei?“, fragte sie.

„Die Bank schon“, sagte er und klappte die Zeitung zusammen. „Ich weiß nur nicht, wie es mit Ihrem Kopf aussieht.“

„Gemischt“, sagte sie.
Und weil Humoriana so funktioniert, reichte das als ehrliche Antwort.

Sie setzten sich nebeneinander, ohne sich etwas erklären zu müssen.
Vor ihnen der Fluss, über ihnen das Grau, um sie herum diese seltsame Mischung aus „Wir tun alle etwas“ und „Eigentlich passiert gerade gar nichts“.

Der Lachlach wurde wieder etwas leiser.
Er mochte diese Momente, in denen die Stadt kurz aufhörte, sich zu erklären.

Anna nahm einen Schluck aus ihrer Thermotasse.
Der Kaffee war lauwarm, aber immerhin eindeutig Kaffee.
Sie beschloss, keinen Plan mehr aus diesem Spaziergang zu machen.

Kein „ab morgen weniger arbeiten“.
Kein „ich muss öfter rausgehen“.
Nur noch ein bisschen Ufer, ein bisschen Wasser, ein paar Menschen, die alle so taten, als wüssten sie, was sie hier machen.

Der Fluss zog gemächlich weiter, als hätte er alle Zeit der Welt.
Und vielleicht hatte er das auch.

In Humoriana ist ein Sonntagsspaziergang am Lachlach selten spektakulär.
Aber manchmal passiert Folgendes:

Man geht los, um sich abzulenken,
und kommt zurück mit dem leisen Gefühl,
dass man zwar nichts Großes erlebt hat –
aber irgendwie ein kleines Stück näher an sich vorbeigelaufen ist
und kurz gewunken hat.

Der Lachlach behauptet, er hätte das gesehen.
Und gelacht hat er sowieso.