Chronik der Neckereien von Humoriana
Auszug aus dem Stadtarchiv, Band III – Randnotizen ausdrücklich erwünscht
Jahr unbekannt – Der erste Seitenblick
Es begann harmlos.
Alt-Dazumal behauptete,
Brückenruh sei „praktisch, aber ein bisschen zu modern geraten“.
Brückenruh antwortete nicht.
Man baute stattdessen eine Brücke direkt an Alt-Dazumal vorbei.
Die Brücke wurde nie benutzt.
Aber sie steht bis heute.
Frühzeit – Die Sache mit der Stille
Stillwinkel wurde gegründet,
weil Satzrand zu laut dachte.
Satzrand wiederum meinte,
Stillwinkel nehme alles zu ernst.
Daraufhin schrieb Satzrand mehrere Randnotizen
über die Stille,
die Stillwinkel bis heute sorgfältig nicht kommentiert.
Man nennt es gegenseitigen Respekt.
Das Umweg-Ereignis
Umwegshain stellte eines Tages neue Wegweiser auf.
Alle zeigten nach „Vielleicht“.
Zwischenraum fühlte sich sofort zuständig
und erklärte den Zustand für offiziell.
Seitdem endet jede Diskussion dort mit den Worten:
„Wir schauen später noch mal.“
Was nie passiert.
Aber beruhigt.
Der große Kaffeedunst-Zwischenfall
Kaffeedunst behauptete öffentlich,
dass kein ernsthaftes Gespräch vor der zweiten Tasse beginne.
Gedankengarten widersprach
und erklärte, Ideen würden auch ohne Koffein wachsen.
Daraufhin schenkte Kaffeedunst dem Gedankengarten
eine Gießkanne in Kaffeefarben.
Gedankengarten nutzt sie bis heute.
Ohne Kommentar.
Lichtbogen gegen Schmunzelufer
Lichtbogen bestand darauf,
dass gutes Licht Dinge verständlich macht.
Schmunzelufer meinte,
zu viel Licht nehme dem Lachen die Überraschung.
Als Reaktion dimmte Lichtbogen alle Laternen
für genau einen Abend.
Schmunzelufer lachte den ganzen Weg entlang des Flusses.
Niemand weiß warum.
Das war der Punkt.
Die große Satzrand-Affäre
Satzrand veröffentlichte eine Sammlung halbfertiger Sätze
mit dem Hinweis:
„Darf gerne unvollständig bleiben.“
Alt-Dazumal war empört.
Nicht über die Unvollständigkeit,
sondern darüber,
dass früher alles noch unvollständiger war.
Man einigte sich darauf,
sich nicht einig zu sein.
Das Dokument liegt heute zwischen zwei Aktenordnern
und fühlt sich sehr wohl.
Der Tag, an dem der Fluss lachte
An einem besonders schweren Tag
trat der Lachlach über die Ufer.
Schmunzelufer jubelte.
Stillwinkel schwieg.
Zwischenraum setzte sich.
Alt-Dazumal sagte:
„Das hatten wir früher auch schon.“
Und meinte damit nichts Konkretes.
Der Fluss zog sich zurück.
Als hätte er genug gesagt.
Gegenwart – Laufende Einträge
Die Neckereien dauern an.
Sie sind nie böse.
Nie laut.
Und immer ein Zeichen dafür,
dass man sich gesehen hat.
In Humoriana gilt:
Wer dich neckt,
hat dich verstanden.
Oder versucht es zumindest.
Archivvermerk
Diese Chronik ist unvollständig.
Absichtlich.
Neue Neckereien entstehen täglich.
Meistens dort,
wo niemand hinschaut.