Kleine Streiche
An einem Samstagmorgen tauchten in der Altstadt kleine blaue Kreidepfeile auf. Einer begann an der Alten Brücke, einer am Bahnhof, einer ausgerechnet vor dem Rathaus. Alle trugen denselben Zusatz: „Hier entlang zu Kaffee, Käse und Kartoffeln.“ Niemand hatte sie bestellt, niemand hatte sie genehmigt, und trotzdem führten sie erstaunlich zuverlässig zum Wochenmarkt.
Der Marktmeister war zunächst skeptisch. Kreide auf öffentlichem Pflaster ist zwar deutlich harmloser als Farbe, gehört aber trotzdem nicht automatisch zur kommunalen Wegweisung. Noch bevor er entscheiden konnte, ob er sich ärgern sollte, sah er zwei auswärtige Besucher einem Pfeil folgen und fünf Minuten später mit einem Brot unter dem Arm zurückkehren.
Gegen Mittag meldeten sich zwei Schülerinnen beim Infostand. Sie hätten die Pfeile am Vorabend gemalt, weil ihre Großmutter immer sage, der Markt sei das Herz der Stadt, aber Herzen seien ohne Wegweiser manchmal schwer zu finden. Der Marktmeister ließ sie die letzten drei Pfeile selbst wegfegen. Danach spendierte ihnen die Bäckerei zwei Apfeltaschen.
Am folgenden Samstag gab es keine Kreidepfeile mehr. Dafür stellte die Stadt einen kleinen offiziellen Aufsteller an den Bahnhof: „Wochenmarkt – 7 Minuten zu Fuß.“ Darunter hatte jemand mit abwischbarem Stift ergänzt: „5, wenn es nach frischen Brötchen riecht.“
