Kleine Streiche
In einer kalten Märznacht bekam die große Blumenampel am Rathausplatz einen gestrickten Schal. Er war blau-gelb geringelt, fast drei Meter lang und so sauber gebunden, dass selbst der Betriebshof kurz prüfte, ob es dafür einen Auftrag gegeben hatte.
Natürlich gab es keinen. Die Blumenampel brauchte auch keinen Schal. Sie war aus Metall. Trotzdem blieb er einen Tag lang hängen, weil er weder Verkehr noch Pflegearbeiten störte. Menschen fotografierten ihn, Kinder diskutierten, ob Laternen im Winter ebenfalls frieren, und eine ältere Dame erklärte trocken: „Metall zieht eben.“
Am zweiten Tag meldete sich der Strickkreis der Begegnungsstätte. Man habe noch Wolle übrig gehabt und wolle „dem Platz etwas Wärme geben“. Der Schal wurde später abgenommen, gewaschen und für eine Kleiderspendenaktion in mehrere kleinere Schals aufgeteilt.
Die Blumenampel steht seither wieder ohne Kleidung da. Aber im Rathaus weiß man seitdem: Nicht alles, was objektiv unnötig ist, ist automatisch sinnlos.
