Fast zwanzig Jahre lang ging Werner Kappel morgens über die Alte Brücke. Immer ungefähr um Viertel vor acht, meistens mit einer Stofftasche und fast immer auf derselben Seite.
Wer ihn kannte, wusste, dass er am ersten Pfeiler kurz langsamer wurde und mit der Hand über das Geländer strich. Nicht feierlich. Eher so, wie andere Menschen im Vorbeigehen einem Nachbarn zunicken. Auf die Frage, warum er das tue, antwortete er einmal: „Die war schon da, bevor ich morgens so früh rausmusste.“
Die Brücke ist in Humoriana vieles: Verkehrsweg, Baudenkmal, Fotomotiv und regelmäßig Anlass für Diskussionen über Sanierungskosten. Für Werner war sie vor allem ein Stück Verlässlichkeit. Als sie für Reparaturen sechs Wochen gesperrt wurde, nahm er den Umweg. Er beschwerte sich nicht. Er notierte nur, dass der Umweg 712 Schritte länger sei.
Nach seinem Tod erzählte seine Tochter die Geschichte bei einer Führung des Stadtmuseums. Seitdem wird sie manchmal weitererzählt, wenn Besucher fragen, weshalb die Alte Brücke den Humorianaern so wichtig ist.
